Lächelnde Frau in weißer Bluse mit Palmen- und Muschelmustern steht vor einem modernen Gebäudeeingang.
Monika Keiler

Die Spurensucherin

Digitale Desinformation im KI-Zeitalter entlarven – dieser Mission hat sich Anika Gruner verschrieben. Die Suche nach Wegen gegen digitale Manipulation führte schließlich zur Gründung ihres eigenen Start-ups. Gemeinsam mit ihrem Partner sichert sie forensische Spuren, um Bilder und Videos zu identifizieren, die mittels künstlicher Intelligenz gefälscht wurden. Ihr Weg in die Tech-Branche zeigt, wie wichtig interdisziplinäre Perspektiven für die Sicherheit von morgen sind.

Technische Spätzünderin mit dem Blick fürs Wesentliche

Anika Gruner hat die perfekte Zwischenphase erwischt: Sie kennt noch die analoge Welt, ist aber mit der digitalen großgeworden. Schon als Grundschülerin hat sie die Bibliothek ihrer Mutter mit über 1.000 Bücher fasziniert. Darüber hinaus schrieb sie eigene Geschichten. Ihre Eltern sahen ihre Stärken deshalb früh eher im Sprachlichen als im Technischen. Das erste Handy erhielt sie mit 14, und die Sache mit den Computern und E-Mails war ihr lange Zeit so egal, dass sie das digitale Postfach lieber links liegen ließ.

Ihr eigentlicher, sehr praktischer Einstieg in die Medienwelt lief letztlich über die Videokamera ihres Vaters. Mit der filmte sie die Skaterboys im Dorf. „So habe ich angefangen, mich mit Video, Bildwirkung und Storytelling zu beschäftigen“, sagt sie rückblickend.

Schon als Jugendliche hatte sie eine ziemlich geringe Toleranzgrenze für Fake und Flunkereien. Warum Menschen lügen, war eine Frage, die sie umtrieb. Während ihr Vater damals noch keine Antwort darauf hatte, wurde das Thema für sie später zur beruflichen Mission: Bis heute ärgert sie sich über Falschaussagen im öffentlichen Raum – nur dass sie heute die Technologie hat, um ihnen das Handwerk zu legen.

Lügen gefallen mir nicht. Unwahrheit war schon früh ein wichtiges Thema für mich.

Von der Medienanalyse zur Tech-Expertise

Ihre Leidenschaft für Filme und Storytelling führte Anika Gruner nach dem Fachabitur zum Studium des Medienmanagements. Eine prägende Station nach dem Bachelor war ein Praktikum bei einem Münchner Fernsehsender, wo sie von ihrer damaligen Chefin eine wichtige Lektion mitnahm: „Sie hat mich beeindruckt, weil sie sich in einer männerdominierten Managementebene auf eine herzliche Art durchgesetzt und jeden mit Respekt behandelt hat.“

Als Wirtschaftskrise und Einstellungsstopps den direkten Einstieg in eine Festanstellung blockierten, ließ sich Anika Gruner nicht entmutigen. Statt in unsicheren Minijobs zu verharren, nutzte sie die Situation für den nächsten Karriereschritt: Sie kehrte an die Universität zurück, um ihren Master in Medienwissenschaften zu absolvieren.

In diesem Studium legte sie das wissenschaftliche Fundament für ihre heutige Arbeit im Start-up: Sie spezialisierte sich auf tiefgehende Medienanalyse, Soziologie und die gezielte Wirkung und Manipulation von digitalen Medien. Hier entwickelte sie das forensische Gespür dafür, wie gefälschte Bilder im Netz wirken und welchen Schaden sie anrichten können – ein Fachwissen, das die mathematische Programmierung ihres Partners heute perfekt ergänzt.

Während meines Studiums habe ich verstanden, wie Bilder in der Welt und in den Medien wirken – und auch, welche Folgen Manipulation haben kann. Das war entscheidend für meinen weiteren Weg.
Lächelnde Frau sitzt an einem Holztisch, neben ihr ein großer weißer Hund mit rotem Halsband.

Natur, Familie und Hund schaffen den nötigen Ausgleich zu einem anspruchsvollen Berufsleben.

Frau in einem Gewächshaus beugt sich über Tomatenpflanzen und pflückt grüne Tomaten.

Natur, Familie und Hund schaffen den nötigen Ausgleich zu einem anspruchsvollen Berufsleben.

Frau in weißer Bluse mit Palmenmuster hält gelbe Hundeleine, schaut auf weißen Hund vor üppigen weißen Hortensien.

Natur, Familie und Hund schaffen den nötigen Ausgleich zu einem anspruchsvollen Berufsleben.

Thema 1 von 3

Die Idee vom eigenen Unternehmen entsteht

Ende 2023 zog Anika Gruner mit ihrem Partner in die Nähe von München. Der Informatiker hatte gerade seine Promotion mit dem Forschungsschwerpunkt KI-Sicherheit abgeschlossen. Doch bei der Jobsuche erlebte der Wissenschaftler eine Überraschung: Überall implementierten Unternehmen begeistert künstliche Intelligenz – sobald er jedoch das Thema Sicherheit ansprach, erntete er oft nur schulterzuckendes Desinteresse. Selbst große Firmen hatten dieses kritische Feld kaum auf dem Schirm.

Gemeinsam erkannte das Paar, dass die neue Technologie Manipulationen Tür und Tor öffnet. Anika Gruner brachte dabei die entscheidende gesellschaftliche Perspektive ein: „Zu den häufigsten Opfern dieser Manipulationen gehören Frauen und Kinder, die sexualisiert werden. Das ist furchtbar.“ Für sie stand fest: Hier muss gehandelt werden.

Mit strategischem Weitblick ergriff sie die Initiative, um ein eigenes Start-up für Deepfake-Detection aufzubauen. Das Ziel: KI-generierte oder manipulierte Medien im Netz systematisch zu entlarven. Als technologische Grundlage diente ein Verfahren, das ihr Partner im Rahmen seiner Forschung entwickelt hatte. Den entscheidenden Impuls für den Start setzte Anika Gruner, indem sie die Bewerbung für das renommierte „Media Startup Fellowship“ des Media Lab Bayern konzipierte. Das Konzept überzeugte: Das Team erhielt eine neunmonatige Förderung und ein Startkapital von 40.000 Euro.

In der Anfangsphase zeigte sich das pragmatische Durchhaltevermögen der Gründerin: Während ihr Partner bereits voll in das gemeinsame Unternehmen einstieg, sicherte sie das Fundament ab. Tagsüber arbeitete sie in einer IT-Firma, um nach Feierabend mit voller Energie das eigene Start-up voranzutreiben. Erst im zweiten Jahr nach der erfolgreichen Gründung stieg auch Anika Gruner komplett in Vollzeit in die Geschäftsführung ein.

3 Fragen zur Rolle der Frau

Mir begegnen starke Frauen, die Systeme hinterfragen, die Dinge verändern wollen und sehr innovativ sind. Frauen von heute haben viele Möglichkeiten und trauen sich auch einiges. Ich wünsche mir, dass sie noch mutiger werden, ihre Ideen auch nach außen zu tragen.

Ich persönlich lebe heute glücklicherweise vollkommen gleichberechtigt. Ich sehe aber nach wie vor viel strukturelle Ungerechtigkeit bei anderen Frauen: Oft sind es immer noch primär die Frauen, die über Jahre hinweg beruflich zurückstecken. Wenn sich dann an den traditionell verteilten Rollen zu Hause nichts ändert, blockiert das die Frauen massiv in ihrer beruflichen Entfaltung. Hier wünsche ich mir gesellschaftlich viel mehr partnerschaftliches Umdenken.

Ich kenne über das Women Startup Business Network viele Menschen, die positiv kommentieren und unterstützen. Gerade an schwierigen Tagen hilft das sehr. Dieser Zusammenhalt spielt für mich eine große Rolle: Solche modernen Frauennetzwerke sind heute wichtige Orte für professionellen Austausch auf Augenhöhe, gegenseitiges Empowerment und echten Rückhalt im oft herausfordernden Start-up-Alltag.

Auf den Spuren von Deepfakes

Das Start-up von Anika Gruner und ihrem Partner hat sich auf Multimedia-Forensik spezialisiert. Diese funktioniere nach einem ähnlichen Prinzip wie die klassische Kriminalistik, erklärt die Geschäftsführerin. So wie die Rechtsmedizin am Tatort Spuren sichert und daraus Wahrscheinlichkeiten ableitet, sucht das KI-gestützte Verfahren des Unternehmens nach statistischen Artefakten im Bildrauschen. Ähnlich wie ein Kamerasensor, der beim Aufnehmen eines Bildes eine Art von digitalem Fingerabdruck hinterlässt, erzeugen auch KI-generierte Bilder nachverfolgbare Spuren. Die Struktur der Trainingsdaten macht jedes KI-Modell auf seine Weise identifizierbar. Genau diesen Mechanismus nutzt das Spezialisten-Duo, um ein eigenes KI-Modell zu trainieren, das echte Aufnahmen von generierten Bildern unterscheidet.

Dabei sind die Manipulationen häufig so perfekt, dass kein Mensch den Unterschied erkennt. „Stellen Sie sich ein echtes Video eines Politikers vor“, erklärt die Gründerin. „Mithilfe von KI werden ihm neue Lippenbewegungen und eine neue Stimme eingesetzt. Er sagt plötzlich etwas, das er nie gesagt hat.“ Doch sobald das Video einmal veröffentlicht sei, empfänden viele die Aussagen als echt.

Um ihr Unternehmen voranzubringen, legte Anika Gruner Verhaltensmuster ab, die viele Frauen in ihrer Sozialisation verinnerlicht haben: Statt sich dezent im Hintergrund zu halten, lernte sie, offensiv für ihre Ideen einzustehen, Sichtbarkeit aufzubauen und sich im Wettbewerb selbstbewusst zu behaupten.

Mehrmals pro Woche stand sie auf der Bühne, klärte über ihr Thema auf und sammelte weitere Fördergelder. Im Jahr 2026 gelang der Durchbruch. Unter anderem deckten Anika Gruner und ihr Partner gemeinsam mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel auf, dass Agenturbilder vom Irankrieg teilweise mit KI generiert oder gefälscht waren. „Manipulationen lokalisieren wir im Bild, indem wir über Wärmebildkarten aufzeigen, wo KI-Spuren und wo echte Spuren gefunden wurden. Es ist ein forensisches Gutachten, aber am Ende des Tages muss natürlich der Mensch entscheiden“, erklärt sie die Vorgehensweise.

Frau sitzt lächelnd an einem Holztisch in hellem Wintergarten, Hände gefaltet, weiße Bluse mit schwarzem Muster, Smartwatch am Handgelenk.

Gleichberechtigung ist für sie keine Zukunftsvision, sondern gelebter Alltag.

Monika Keiler

Führung und Familie

Parallel zum dynamischen Wachstum ihres Unternehmens gründeten Anika Gruner und ihr Partner eine Familie; im zweiten Jahr nach dem Firmenstart kam ihre Tochter zur Welt. Ein Start-up aufzubauen und gleichzeitig für ein Kleinkind da zu sein, wird in der Gesellschaft oft als Widerspruch gesehen – für das Gründer-Paar ist es eine reine Frage moderner Organisation. „Das tägliche Zeitmanagement gleicht natürlich manchmal einem fragilen Kartenhaus, wenn unvorhergesehene Dinge passieren – aber das ist der ganz normale Alltag in berufstätigen Familien“, erzählt die junge Mutter lachend. Dass dieses Modell so stabil funktioniert, liegt an der klaren Aufteilung: Anika Gruner nimmt die Kleine flexibel mit ins Büro, dort unterstützt ihre Schwester, die zugleich auch Executive Assistant im Startup ist, bei Geschäftsreisen gibt es Unterstützung von der Oma und demnächst steht der Wechsel in die Kita an.

Die echte Basis für diese gelebte Vereinbarkeit ist jedoch ein konsequentes, gleichberechtigtes Partnerschaftsmodell. Care-Arbeit und Unternehmensführung werden von dem Paar absolut zu gleichen Teilen geschultert – beide arbeiten Vollzeit im Start-up, beide sind gleichermaßen für die Tochter da.

Aus ihrer Zeit als Angestellte kannte Anika Gruner noch die Sorge vor den klassischen Karriere-Nachteilen, die eine Familiengründung in vielen starren Unternehmensstrukturen nach wie vor mit sich bringt. Die Selbstständigkeit im eigenen Tech-Unternehmen wurde für sie zum Befreiungsschlag: „Mit Beginn der Schwangerschaft im eigenen Betrieb war jede Sorge verflogen. Weil mir vollkommen klar war: Hier bestimme ich die Rahmenbedingungen und wir machen die Regeln selbst.“

Genau aus dieser Erfahrung heraus ermutigt Anika Gruner andere Frauen explizit dazu, die Tech- und Start-up-Szene aktiv mitzugestalten – sei es als Gründerin oder als Teil eines starken Teams. Denn eigene Unternehmen zu führen bedeutet auch, die Arbeitswelt von morgen so zu gestalten, dass Familie und Spitzenkarriere für beide Elternteile zur Selbstverständlichkeit werden.

Habt keine Angst, einfach zu starten. Vielleicht steigt ihr auch in ein bestehendes Team ein, eure Perspektive bringt auf jeden Fall einen großartigen Drive. Wir brauchen interdisziplinäre Teams, um Firmen zu gründen.